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Restaurant Cooperativo, Zürich.
18. Januar 2005 Ich
erinnere mich an die Nacht vom 30. Juni 1968. Ich und meine spätere Frau
waren auf der Vespa unterwegs und kamen auf dem Heimweg über den
Bahnhofplatz. Obwohl wir nicht an der vordersten Front waren, obwohl wir
keine Steine warfen, fühlten wir uns als Teil der Demonstranten, als Teil
jener Manifestation, die als Globuskrawall in die Geschichte eingegangen
war. Wir waren glücklich, überglücklich — und wussten nicht wieso. Erst
später verstand ich die Ursachen dieses im Augenblick unbenennbaren
Glücksgefühls, das auch viel mit Zusammengehörigkeit zu tun hatte. Aber vor
allem erlöste das Ereignis von einem eher unbewusst als bewusst
wahrgenommenen Druck.
Wir liebten in den sechziger Jahren die Lieder der Beatles und
sympathisierten mit den Hippies. Aber diese Liebe und Sympathie betraf
etwas, das sich weit weg abspielte. Hier bei uns ging fast alles seinen
unglaublich normalen Gang. Entgegen der Befürchtungen der Prognostiker war
das Wirtschaftswunder, das in den fünfziger Jahren begonnen hatte, nicht zum
Stillstand gekommen, sondern trieb immer üppigere Blüten. Es war der
Generation unserer Eltern gelungen, das wirtschaftlich zugrundegerichtete
Europa wieder zu Wohlstand zu bringen. Man konsumierte und konsumierte, die
Zufriedenheit grassierte, die beste aller Welten schien gefunden. Auf den
deutschen Kanälen waren bereits Farbfernsehsendungen abrufbar, das
Autobahnnetz wuchs von Jahr zu Jahr. Und nun platzte der Globuskrawall in
die helvetische Selbstzufriedenheit, liess das
Wir-haben-ja-alles-uns-geht-es-gut-Gefühl erzittern. Und für uns hiess das:
Doch, es lässt sich etwas verändern. Es muss nicht so weitergehen wie es
gegangen ist. Es gab etwas zu erreichen, das nicht käuflich erwerbbar war.
Es hat sich dann vieles verändert. Vieles zum Guten.
Verändert hat sich auch die Kunst Mario Comensolis. Sie ist befreit worden.
Sie hat sich schlagartig erneuert. Wohl vor allem durch die Erfahrung, dass
er, der Aussenseiter, nicht nur in den Immigranten ein Gegenüber finden
konnte, sondern dass es noch andere in dieser Gesellschaft gab, die sich
innerlich fremd fühlten. Mario Comensoli hatte ganz sicher anhand der
französischen Presse die Pariser Mai-Unruhen genau verfolgt. Mit Paris
fühlte er sich verbunden. Da passierte Unglaubliches in jener Stadt, die am
Ende der vierziger Jahre für seine Entwicklung so wichtig gewesen war. Seit
dem 30. Juni 1968 gab es für Mario Comensoli in Zürich ganz neue
Identifikationsmöglichkeiten. Dass er im Sommer 1968 ein Glücksgefühl erlebt
hat, das einige Zeit anhielt, machen seine Bilder deutlich. 1970 hat er
seine neuen Werke in der Galerie Walcheturm gezeigt. Auch an dieses Ereignis
erinnere ich mich genau. Ich hatte schon damals grossen Respekt vor der
Malerei, bewunderte die Meister der klassischen Moderne. Die internationale
Zeitkunst kannte ich allerdings fast nur von Abbildungen. In Zürich ab es
damals nur einen einzigen Ort, an dem man beispielsweise Werke der Pop-Art
sehen konnte: die Galerie Bischofberger. Und nun sah ich Malereien, die in
ihrem Duktus den älteren Meistern der Moderne verwandt schienen, die aber
eine völlig neue Thematik zeigten, mit meiner Welt etwas zu tun hatten, mit
meiner Generation. Eine unbändige Vitalität strahlte da einem entgegen,
Farben in nie gesehenen Kombinationen. Bewegung und Rhythmus. Nicht nur
betroffen war ich von diesen Bildern, sondern beseelt, beflügelt, beglückt.
Nur ganz selten habe ich später vergleichbare Ausstellungserlebnisse gehabt.
Leider sind verhältnismässig wenig Werke aus der Walcheturm-Ausstellung
erhalten geblieben. Zu viele hat Mario Comensoli später in seinem
Schaffenseifer übermalt, geopfert, weil keine anderen Leinwände zur Hand
waren.
Der Maler der Immigranten, der Maler der «lavoratori in blu» sagte später
über diese frühere Epoche, die manchmal, aber meiner Ansicht nach zu
unrecht, als sein Hauptwerk betrachtet wird: «Die Gastarbeiter haben damals
unsere Wirklichkeit verändert, sie stellten das Gewohnte in Frage, sie
provozierten uns. Sie verzauberten unseren Alltag, für mich waren sie die
neue Ästhetik. Ich konnte ihnen nicht ausweichen, ich musste sie malen. In
meinen Bildern wurden sie für mich zur Poesie.» Wenn die «lavoratori in blu»
erdige Poesie waren, dann sind die Bilder der Wendezeit eine bunte Reportage
aus der Welt der TEACH-INs, der Demonstrationen, der WGs, der feministischen
Bewegung, keine unbestechlich objektive Reportage, im Gegenteil, Chronist —
nicht Poet — wollte Comensoli nun sein, aber parteiischer, solidarischer.
«Wendezeit» heisst der Titel dieser kleinen Ausstellung aus Werken. Er
bezieht sich auf die nachhaltigen Auswirkungen der 68er-Bewegung. Ganz
besonders aber auf den Wandel im Schaffen Comensolis. Er fand damals nicht
nur eine neue Optik, sondern eine auch eine neue Malweise. Er malte
schneller, skizzenhafter, begnügte sich nun oft mit Andeutungen. Die ganze
Farbpalette stand ihm, der sich vorher chromatisch beschränkt hatte, zur
Verfügung. Mit diesem Neubeginn entstand das Oeuvre der letzten 25 Jahre.
In der Terminologie von Erich Fromm handelte es sich bei der 68er-Bewegung
um einen Aufstand des Existenzweise des Seins gegen jene des Habens. Die
Ideologie des Habens hat sich leider immer wieder als stärker erwiesen. Kein
Wunder, wenn in Mario Comensolis Bildwelt schon in den frühen siebziger
Jahren, wie sie hier ebenfalls sehen, die Konsumwelt und ihre Perversion in
den Vordergrund rückt.
Der Maler Mario Comensoli fühlte sich mit dem Coopi — dem alten an der
Militärstrasse und dem heutigen am Werdplatz — eng verbunden. An diese
herzliche Beziehung soll die vierteilige Ausstellung mit einer Reihe der
wichtigsten Werke aus dem Besitz der Stiftung Mario und Hélène Comensoli
erinnern. Die erste Ausstellung, die von Oktober bis Anfang Januar dauerte,
galt den «lavoratori in blu», seinen berühmten Arbeiter-Bildern aus den
fünfziger und sechziger Jahren.
Die Bilder der «Wendezeit» werden zwei Monate im Coopi zusehen sein, dann
machen sie einer dritten Werkgruppe Platz: «I secondo». Wiederum geht es um
die Gastarbeiter, aber nun — in einer neuen Bildsprache — um die Generation
der hier aufgewachsenen Söhne, die sich zwischen zwei Kulturen bewegen.
Schliesslich wird die Stiftung Mario und Hélène Comensoli Werke aus den
achtziger Jahren zeigen, die das Leben der jungen Zürcher Aussenseiter
schildern. In Wipkingen arbeitend, hat Comensoli hautnah mitverfolgt, was
damals am Letten und auf Platzspitz passiert ist.
Im Namen der Mario und Hélène-Comensoli-Stiftung möchte ich mich für das
Gastrecht sehr herzlich bedanken.
Peter Killer |
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